Der Pilz – Prokrastination in zwei Akten | 1. Resteficken

Am Wochenende stand die Steuererklärung an.
Was soll ich sagen?
Die Steuererklärung steht nach wie vor an.
Dafür habe ich meinen ersten Zweiteiler (halb) fertiggestellt.
War wahrscheinlich eh die lohnendere Zeitinvestition.
Wie auch immer.
Viel Spaß mit der letztlich schon angeteaserten Pilzstory!

Dass die Autofahrten meiner Großeltern zuletzt eine zunehmend besorgniserregende Unfallquote aufweisen, hält sie noch lange nicht ab, fortwährend weite Urlaubsreisen anzutreten.
Weder subtile Hinweise in Form von Busreisebroschüren, noch die wohl ungewöhnlichste aller Maßnahmen – das offene Ansprechen unserer Sorgen – hatte die erhoffte (wenn auch von vornherein unwahrscheinliche) Einsicht zur Folge.
Immerhin fiel die Wahl des Ziels schon mal auf einen nähergelegenen Ort, als üblich. Die Hoffnung, offene Kommunikation könne langfristig wohl doch etwas bewirken, liegt seit dieser Verkündung näher, als je zuvor.

Da mir ohnehin nichts bleibt, als ihre mobile Version des Russisch-Roulette vorerst zu akzeptieren, rede ich mir ein, die Halbierung der Strecke werde wohl genug gutes Karma für eine unfallfreie Fahrt einbringen.
Bis zur “Wir sind angekommen”-Nachricht werde ich mich dann einfach, wie üblich, angespannt irgendwo in der Nähe meines Handys aufhalten, während sich in meinem Kopf die South Park Folge abspielt, in der Rentner unkontrolliert durch die Stadt fahren, diese dabei zerstören und plötzlich mit dem Auto an den unmöglichsten Orten auftauchen. Im dritten Stock eines Hochhauses zum Beispiel.
So in etwa müssen Eltern empfinden, deren Kinder gerade den Führerschein bekommen haben.
Vor ihrer Abfahrt statte ich ihnen jedenfalls noch einen Besuch ab. Im Gespräch eröffnen sie irgendwann beiläufig, sich dann doch noch ein letztes Mal an ihren üblichen Urlaubsort zu begeben – zusätzlich zur jetzigen Reise, versteht sich.
Und das war’s dann auch schon wieder mit dem mir selbst zuvor so mühevoll eingeredeten Optimismus.

Gestern erst habe ich beschlossen, das Rauchen aufzugeben. Trotzdem entschuldige ich mich kurz aus dem Gespräch. Statt vor die Haustür gehe ich allerdings ins Bad um dort mehrere Minuten apathisch in den Spiegel zu schauen und irgendwelche Atemübungen zu machen. Erstaunlicherweise hilft das gut genug, um wieder ins Wohnzimmer zu gehen, meinen Kaffee auszutrinken und mich zu verabschieden, ohne zu heulen.

Auf dem Rückweg lege ich einen Zwischenstopp auf einem idyllischen Feldweg ein, um dort in aller Ruhe mein apathisches In-Die-Ferne-Starren fortzusetzen.
Den Blick aufs Ziel gerichtet: Weit weg von all dem Bullshit.
Und wie ich dort so über die schier grenzenlos scheinende Verdrängungskunst älterer Menschen hinsichtlich der Beurteilung eigener Fahrfähigkeiten sinniere, fällt mir was ins Auge. Zur Abwechslung ist es dieses Mal kein neuer Blechschaden an Opas Karosserie, sondern etwas Weißes, Kugelförmiges unter meinem geparkten Auto.
Im ersten Moment erinnert es an einen Schädel. Ein zweiter Blick verrät:
Es ist ein Pilz.

Seit ich letztes Jahr (erfolglos) auf der Suche nach halluzinogenen Pilzen war, habe ich dieses Hobby für mich entdeckt.
Also generell Pilze.
Die Suche nach dem Spitzkegeligen Kahlkopf habe ich aufgegeben. Recht schnell sogar, denn es gibt gefühlt 800 Pilzarten – teils giftig –, die nahezu identisch aussehen und sich oft nur unter dem Mikroskop unterscheiden lassen.

Mikroskopieren war noch nie mein Ding. Da erkenne ich ungefähr so viel, wie auf Schwangerschafts-Ultraschallbildern.
“Aaah ja, da ist der Kopf, klar! Jetzt sehe ich’s auch!”
(Tu ich nicht.)

Es ist vielleicht auch besser so, damals keinen Pilz gefunden zu haben…
Wobei der Trip wahrscheinlich noch angenehmer gewesen wäre als der, den ich sowieso momentan lebe.
Statt mich aber weiter mit der Vorstellung alternativer Vergangenheitsszenarien aufzuhalten, komme ich zurück auf den Boden der Tatsachen. Und damit zum Boden vor mir.

Genauer gesagt zu dem, was sich darauf befindet. Ein Spitzkegeliger Kahlkopf liegt hier zumindest nicht unterm Auto.
Weder als Pilz noch als Person.

Google Lens klärt mich auf:
Es ist eine Mozzarellakugel!
Was für eine Sensation!

Ein weiteres Foto aus anderem Winkel bietet mehr Aufschluss. Es handelt sich wohl um den essbaren „Riesenbovisten“. Als Fleischersatz soll er sich besonderer Beliebtheit erfreuen, stellt sich bei weiterer Recherche heraus. Vorausgesetzt, man hat nicht den giftigen Doppelgänger vor sich. (Davon scheint es auch immer mindestens einen zu geben).
Bei diesem Exemplar ist die Unterscheidung glücklicherweise etwas simpler zu bewerkstelligen.
Vor allem ohne Mikroskop.

Und siehe da: Dies scheint der Essbare zu sein.
Zu diesem Schluss bringt mich mein frisch angelesenes Halbwissen, zusammengesetzt aus der Artikelvorschau der obersten drei Suchergebnisse bei Google.
Insbesondere, wenn es im Zweifelsfall um die eigene Gesundheit geht, ist mir eine breit gefächerte Informationsgrundlage unter Hinzuziehung vielzähliger Quellen überaus wichtig, wie man hier unschwer erkennt.

“Passt schon”, denke ich mir, während ich den Pilz auf den Beifahrersitz werfe.
Muss man wohl eh „schälen“ das Teil.

Gerade juckt es mich in den Fingern, an dieser Stelle eine kleine Abstimmung einzubauen. Wie praktisch, dass Substack für genau solche Fälle vorgesorgt hat!

Schält oder pellt man Pilze?

Schälen · Pellen · Anderer Vorschlag? Hier auf Substack abstimmen.

Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!

Nein ernsthaft, ich habe keine Ahnung…
Falls ich komplett daneben liege, tu Dir keinen Zwang an, mir auch das in den Kommentaren mitzuteilen — vorzugsweise mit aktivierter Feststelltaste und den abschließenden Worten: “Du ungebildeter Kretin!”.

Bis zum Vorliegen repräsentativer Umfrageergebnisse habe auch ich jetzt genug Gelegenheit, mir intensive Gedanken darüber zu machen. Schließlich ist durch den bombastischen Fund ganz nebenbei ein großes Zeitfenster in meinem Kopf frei geworden, in dem ich mich normalerweise mit der unschönen Frage beschäftige:
„Was zur Hölle soll ich heute kochen?“
Ein Traum, dass dieses Thema heute mal keiner Endlosdiskussion mit mir selbst bedarf.

Ehe ich nach Hause fahre, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen, mache ich noch einen Abstecher zu meinen Eltern.
Dort spreche ich kurz mit meiner Mutter, bis es aus dem Wohnzimmer ruft:
“Du kannst weiter wohnen!”.
“Geil, Danke!”, rufe ich zurück.

Diese Antwort auf die Verkündung meines Vaters lässt jedoch weiterhin die Frage offen, was hier überhaupt gerade Phase ist.
Die Gründe der rätselhaften Konversation, sowie meine Beweggründe hinter dieser abgefahrenen Pilzstory hier, erfahrt ihr im nächsten Post.
Ich weiß – Die Spannung ist kaum auszuhalten.
Nichtsdestotrotz wartet noch ein Handlungsstrang auf seinen Abschluss und versaut mir ganz nebenbei die perfekte Gelegenheit, endlich mal einen Text mit einem Cliffhanger zu beenden.
Durch die Enttäuschung müssen wir jetzt wohl alle durch.

Nachdem ich mir noch schnell ein paar Wildkräuter aus den Beeten meiner Eltern schnorre, fahre ich nach Hause, um dort schließlich das Risiko einer massiven Magenverstimmung auf mich zu nehmen. Dazu pimpe ich den Rest von gestern mit dem irgendwo in der Walachei gefundenen Pilz, besagten Kräutern und dem letzten Tetrapack passierter Tomaten auf.

Ich nenne diese Art der hohen Kochkunst „Resteficken“.
Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, ein Kochbuch mit dem Titel
“Heute gibt es Resteficken” herauszubringen. Leider kann ich mir die meisten Gerichte nicht lang genug merken, um sie zu verschriftlichen.

Obwohl man nach bisheriger Faktenlage davon ausgehen kann, wird natürlich nicht einfach täglich der Rest vom letzten Gericht als Grundlage fürs Resteficken weiterverwendet.
Das wäre ja in jeglicher Hinsicht pervers.
Im Matheunterricht war ich zwar nie besonders gut (ja nicht mal besonders durchschnittlich), aber scheinbar doch oft genug anwesend, damit mein Kopf hier die Vorstellung erzeugt, dass ein geringer Teil des ursprünglich ersten Essens bei dieser Vorgehensweise noch Jahre später im aktuellen Gericht verbleiben würde.
Der Anteil würde zwar gegen Null gehen – sich dem “Nichts“ also unendlich dicht annähern – aber nie ganz „Null“ sein. Theoretisch jedenfalls.

Wie auch immer: Es gehört nun wirklich nicht zu meinen Zielen, das herauszufinden, geschweige denn dahingehend einen neuen Weltrekord aufzustellen, oder einen möglicherweise bereits bestehenden zu brechen.
“Reste” bezieht sich also in meinem Fall meistens auf das, was der Kühlschrank noch so hergibt.
Entgegen meiner stets gleichen ersten Befürchtung werden manche Ergebnisse sogar ganz annehmbar, wenn auch kulinarisch ziemlich wild. So verhält es sich auch heute.
Das absolute i-Tüpfelchen des nun um einen Pilz bereicherten Essens bildet jedoch das Ausbleiben schwerer Vergiftungserscheinungen im Nachgang.

Ein blindes Huhn findet wohl auch mal einen Pilz.

Weiterlesen: 2. Akt: Kontext

Wenn du weiterlesen möchtest

Neue Texte schicke ich dir auch per Mail. Wenn du genauso gespannt bist wie ich, wohin das alles führt, kannst du hier dranbleiben.


Kommentar verfassen