Blankziehen bei Horst Lichter
In letzter Zeit stelle ich mir oft vor, bei „Bares für Rares“ mitzumachen. Nicht, dass ich irgendwelche wertvollen Sonderheiten anzubieten hätte. Was mich reizt ist die Vorstellung, von Horst Lichter gefragt zu werden:
„Und, was treibt dich so um?“
(Clickbait kann ich, oder?)
Vom typischen Muster einer jeden Folge ausgehend, wären wir kurz zuvor per Du geworden. So viel habe ich auf dem 24/7-Bares-für-Rares-Sender gelernt, der seit einiger Zeit im Hintergrund läuft und damit die einsame Stille meiner Wohnung übertönt. Dieses Wissen setze ich bei meiner Antwort natürlich direkt um:
„Horst – mein zwirbelbärtiger Freund. Hol dir mal den antiken Sessel da hinten. Mach’s dir bequem. Das dauert jetzt ein Weilchen.“
Da in meinem Keller wahrscheinlich aber eher Leichen als Schätze liegen, bleibt es wohl vorerst bei dieser Fantasie. Wenigstens bleibt mir so die Peinlichkeit erspart, direkt auf mein tiefes Luftholen hin abgewürgt und des Studios verwiesen zu werden, während die Sendung zugunsten Ralf Schumachers unterbrochen wird, der wissen will, ob du wissen willst, wie viel dein Auto wert ist.
Gut, dass es hier keine Zeitvorgabe gibt.
Trotzdem will ich versuchen, mein Geschwafel auf das mir mögliche Minimum zu beschränken. Womit ich wieder bei Horst und der Frage bin, was mich umtreibt.
“Das ist eine sehr gute Frage, zehn Punkte für Gryffindor!”
(Die Coldmirror-Anspielung musste sein.)
Also Titten auf den Tisch.
Was mich beschäftigt ist die Suche nach meinen Platz in dieser Welt. Genauso nach einer Tätigkeit, von der ich leben kann, ohne dass ich zwischen Lebenshaltung und meiner Gesundheit wählen muss.
Triggerwarnung: Im folgenden Abschnitt werden u.a. Suizidgedanken thematisiert.
Ich spreche hier nicht nur von „keinen Bock haben“. Ich kann und will mich ernsthaft für Jobs motivieren und diesen auch gewissenhaft nachgehen.
Bis alles kippt.
Egal, was ich versucht habe, früher oder später kommt dieses Gefühl. Dieses “Was machst du hier eigentlich? Das bist doch nicht du.” Das kann ich eine Weile wegschieben, doch dann verdichtet es sich.
Es folgen Schlafprobleme Lethargie und andere Symptome, bis schließlich irgendwann hin zu starken Suizidgedanken und beängstigenden Impulsen. Ohne es ins Lächerliche ziehen zu wollen: Die Leitplanke auf meinem Arbeitsweg erscheint mir dann ganz plötzlich als attraktive Maßnahme, diesen nicht noch einen weiteren Tag antreten zu müssen. So attraktiv, dass ich aktiv gegen den spürbaren Impuls meiner Hände, das Lenkrad rumzureißen, ankämpfen und die Fahrt unterbrechen muss. An diesem Punkt war ich schon mehrfach.
Was mache ich also aus “meinem Talent”, wenn existenzielle Fragen sich wie ein Müllsack über jeden Keim meiner Kreativität und Motivation stülpen, bis der auch wieder abgestorben ist?
Auf der Suche nach Antworten bin ich zu dem Schluss gekommen, mich wohl nie in ein herkömmliches Lohnarbeitsverhältnis pressen zu können, ohne an den eben genannten Punkt zu gelangen. Die Versuche waren zahlreich.
Ich habe mittlerweile ein Unmaß an Medien durchforstet. Unter anderem Selbsttests mit Fragen, deren Beantwortung mehr Klarheit über sich selbst und hinsichtlich der „Nischenfindung“ verspricht.
Diese lassen mich aber ungefähr so schlau dastehen wie der Berufsberater, der mir als Siebzehnjährige riet, ich solle doch einfach Gerüstbauerin werden, wenn ich in einer Ausbildung Geld verdienen wolle.
Um mal ein paar Beispielfragen zu nennen:
Was kann ich besser als die meisten? Worin fragen andere mich oft um Hilfe? Worüber habe ich was zu sagen? Worüber weiß ich mehr als andere?
Wenn es so einfach wäre, hätte ich eine riesige Auswahl an beruflichen Nischen zu bekleiden:
Fachkraft für Gefälligkeitsdienste
Ehrenamtliche Taxifahrerin
Allen voran aber Buchautorin.
Die Themen:
„Meistere den Pfad der Selbstmanipulation“
„Geghostet werden – ganz ohne Dating“
„Erfolgreich nichts zustande kriegen“
Und das wären nur die bekanntesten meiner Werke.
Doch der Vorteil voraussichtlicher Konkurrenzfreiheit wird erheblich durch den Faktor des zu erwartenden Entgelts geschmälert.
Doch kein Ikigai gefunden.
Scheiße.
Mein Zwischenfazit
Ich verhalte mich scheinbar zum Leben wie „Deine Mutter“ zu McDonald’s-Rutschen.
Ich passe einfach nicht rein.
Zumindest nicht da, wo ich es versuche. Vielleicht sollte ich es mal bei Burger King ausprobieren? Aber was ist das Pendant zu Burger King in dieser Analogie?
Mit „Nicht-reinpassen ins Leben“ meine ich ein Gefühl. Dass ich da, wo ich bin, einfach nicht richtig zu sein scheine. Nicht das Richtige zu machen. Als wäre das Leben, das ich lebe, nicht für mich gemacht und als wolle es mir das auch immer wieder zeigen, indem ich mit allem, was ich anfasse, auf die Schnauze falle.
Als ich mir eingestehen musste, wohl nicht mehr vor meinem Schulabschluss auf wundersame Weise Privatier zu werden und mich der Ratlosigkeit hinsichtlich meiner Zukunft entziehen zu können, habe ich versucht, irgendeinen halbwegs akzeptablen Karriereweg zu wählen. Akzeptabel hieß in dem Falle, dass der Beruf sich entweder finanziell lohnt oder mir irgendwie sinnstiftend erscheint.
Meine berufliche Zwischenbilanz sieht mit nun bald 29 Jahren – grob zusammengefasst – so aus:
Ausbildung zur Chemikantin. Nach einem halben Jahr schwere depressive Episode, AU und Abbruch der Ausbildung.
Später Ausbildung zur Krankenpflegerin. Die habe ich abgeschlossen, mit drohender Verlängerung wegen hoher Krankheitstage. Nach Ende der Ausbildung hatte ich nicht nur mein Examen, sondern obendrein direkt auch eine schwere Essstörung. Ein halbes Jahr auf Station gearbeitet, präventiv von 40 auf 30 Stunden reduziert, ohne Erfolg.
Es folgten Klinikaufenthalte, erfolglose Bewerbungen in kreativen Bereichen und weitere Arbeitsversuche. Tagespflege. Eisbahnkiosk. Kneipe. Schließlich wieder Schlafprobleme, Essstörung, AU.
Ich habe also einschlägige Erfahrungen auf beiden Seiten unseres Gesundheits- wie auch Sozialsystems sammeln können. Ich war diejenige, die versorgt. Und diejenige, die Hilfe benötigt. Ich war eine, die einzahlt und nun bin ich eine, die… joa. Auf die Grundsicherung wartet.
Vor nicht allzu langer Zeit hat sich rausgestellt, dass ich unter Anderem auch ADHS habe.
Der mediengeprägte Hoffnungsschimmer, mein Leben würde nach dieser Diagnose auch endlich richtig durch die Decke gehen und ich könnte mein vollstes Potenzial nutzen, hat sich leider — trotz Medikation und Therapie — noch nicht so richtig einstellen wollen. Es läuft trotzdem beschissen.
Nur ein bisschen aufgeräumter.
Aber was will man erwarten, wenn man über Jahre einen riesigen Berg unverarbeiteter Gefühle, unfertiger Projekte, ungelöster Probleme angehäuft und diesen mit seinem Selbstwertgefühl bezahlt hat?
Aber was nicht ist, kann noch werden.
Die Frage, wie ich meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, ohne wieder an denselben Punkt zu kommen, ist damit jedenfalls nicht beantwortet.
Erstmal Grundsicherung. Irgendwann vielleicht.
An diesem Punkt kommt zur beruflichen Hilflosigkeit noch mein Problem mit dem Unterstützungsangebot unseres Systems dazu. Zu allem Überfluss habe ich nämlich auch noch individuelle Wünsche und möchte bei der Gestaltung meines Lebens ein Wörtchen mitreden. Eine Anmaßung, die die Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit in der Vergangenheit doch erheblich erschwert hat.
Während ich nun selbst versuche, herauszufinden, wie das gehen kann, muss ich irgendwie meinen Lebensunterhalt bestreiten. Die Grundsicherung steht allerdings noch in den Sternen. Seit Monaten warte ich auf eine Entscheidung des Jobcenters. Oder auf eine Antwort.
Starke Leistung, wenn man sich das Wörtchen „Grundsicherung“ mal richtig bewusst macht.
Von Anfang Juni bis Mitte Oktober warte ich jetzt schon. Lange genug, dass ich ernsthaft überlege, Julia Leischik einzuschalten, sollte sich weiterhin niemand bei mir melden. Mein Krankengeld reicht immerhin gerade so für die Warmmiete. Die übrigen laufenden Kosten sind damit noch nicht bezahlt.
Das ist der Teil, an dem die Suche nach meinem Platz in dieser Welt ziemlich unromantisch wird. Ich kann schlecht in Ruhe herausfinden, welche Tätigkeit ich langfristig aushalte, während ich kurzfristig nicht weiß, wie ich meine Kosten decken soll. Und ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen gestaltet sich ebenfalls schwierig, wenn man mit nahezu 30 Jahren hauptberuflich seinen Eltern auf der Tasche liegt mit der lukrativen Nebentätigkeit, die Pfandflaschen der Großeltern wegzubringen.
Und ich kann mich noch glücklich schätzen, wenn ich darüber nachdenke, dass das auch Menschen betrifft, die kein stützendes Umfeld haben, sondern womöglich selbst noch jemanden ernähren müssen.
Man kann sich vielleicht herleiten, dass diese Themen für mich entsprechend emotionsgeladen und anstrengend sind. Genau deshalb richte ich meine Gedanken oft auf belanglosere Dinge des Alltags, in deren Analyse ich mich verlieren kann. Nur um im Nachgang über abstrakte Verbindungsversuche und Mustererkennung einen Erklärungsansatz für ein sich mir nicht erschließendes Leben herzustellen. Gepaart mit humoristischer Selbstreflektion, denn auch ich bin ja schließlich irgendwo Teil dieser Welt. Neulich entstand so beispielsweise ein ausschweifender Bericht über einen Pilz, den ich gefunden habe.
Manchmal ist das der einzige Weg, mich nicht vom Strudel der Hoffnungslosigkeit einsaugen zu lassen, nach dem sich das alles gerade anfühlt. Doch der Sog wird stärker, je länger ich in dieser Situation verharre. Und so kann ich mittlerweile nicht mal mehr in Ruhe einen Text über einen verdammten Pilz fertigstellen, ohne doch irgendwie wieder in der Sackgasse meiner Probleme zu landen. Dabei will ich eigentlich nur über Dinge schreiben, die mich beschäftigen, amüsieren oder interessieren.
Dinge, für die ich gerne noch Platz in meinem Kopf hätte.
Und was genau ist jetzt mein Auftrag?
Ich bin zuversichtlich, irgendwie, auf irgendeine Weise noch zu dem Leben zu kommen, in dem ich es aushalte. Eines, in dem ich aufgehen kann, statt nur auf meine Rente zu warten.
Wie genau das aussehen kann, weiß ich noch nicht.
Um das herauszufinden, baue ich diese Seite auf. Schließlich kann ich lange auf Veränderung hoffen, wenn all meine Sachen unfertig in Schubladen und Schränken liegen. Also will ich Texte fertigstellen und veröffentlichen. Herausfinden, welche davon Menschen erreichen. Und ob aus dem, was ich gerne mache, auch etwas werden kann, das zu meinem Lebensunterhalt beiträgt.
Mit dem Hochladen eines Textes ist meine Miete noch nicht bezahlt. Aber immerhin liegt er dann nicht mehr in der Schublade.
Vielleicht erreicht er jemanden, den er amüsiert. Vielleicht jemanden, dem mit meiner Sicht auf die Welt geholfen ist. Vielleicht jemanden, der sich selbst schon gefragt hat, warum er sich so sehr bemüht und trotzdem immer wieder am selben Punkt landet.
Ich habe darauf noch keine fertige Antwort. Aber ich habe etwas darüber zu erzählen.
Erstmal will ich nur herausfinden, was daraus werden kann, wenn ich meine Texte zur Abwechslung mal an Menschen richte, die sie lesen wollen.
Statt weiterhin Perlen vor die Sä—
Verzeihung. Ich meine natürlich: Texte an Behörden zu schicken, die sie nicht lesen.
