Wir erinnern uns:
Nachdem ich irgendwo am Arsch der Welt einen Pilz gefunden habe, fahre ich zu meinen Eltern, wo sich Folgendes abspielt:
Dort angekommen spreche ich kurz mit meiner Mutter, bis es aus dem Wohnzimmer ruft:
„Du kannst weiter wohnen!“
„Geil, danke!“, antworte ich auf diese freudige Verkündung meines Vaters.
Der hier erzeugte Spannungsbogen ist lediglich ein netter Zusatzeffekt meiner eigentlichen Intention: durch die thematische Zweiteilung des Textes der idyllischen Unbeschwertheit einer lustigen kleinen Pilzgeschichte keinen Dämpfer zu verpassen. Schließlich zieht sich seit der Ankunft auf jenem Feldweg bis hin zum finalen, beschwerdefreien Mahl ein noch recht heiterer Ton durch die gesamte lyrische Komposition.
Doch das Leben ist nicht immer Jubel, Trubel, Heiterkeit. In diesem Sinne wende ich mich nun den unangenehmen Fragen zu, die der erste Akt weitgehend unbeantwortet ließ:
- Was sind die Beweggründe für dieses seltsame Gespräch?
- Warum wird ein Pilzfund maximal ausschweifend umschrieben, während scheinbar wichtige Dinge einfach links liegen gelassen werden (wie normale Menschen wahrscheinlich den Pilz liegen lassen würden)?
- Wie kommt es, dass die Speisezubereitung mich mehr zu beschäftigen scheint als der Umstand, dass meine Großeltern durch abenteuerlich lange Autofahrten scheinbar einem gewissen Lebensüberdruss Ausdruck zu verleihen versuchen?
Damit gehen wir rein in die Olga, auch bekannt als Kontext.
Von Kaugummis und Diagnosensammlungen
Also, warum kann ich denn nun „weiter wohnen“, wie mein Vater es so schön ausgedrückt hat?
Ich bin 29 Jahre jung (was ich so nur noch schreiben werde, solange ich noch nicht 30 bin) und soeben haben meine Eltern für mich die Monatsmiete überwiesen.
Um es noch unangenehmer zu machen: Es war nicht das erste Mal.
Und selbst das ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs, der sich in den letzten Jahren in meinem Leben zurechtgefroren hat.
Wer sich nun berechtigterweise fragt, warum eine Frau nahezu mittleren Alters bitteschön noch ihren Eltern auf der Tasche liegt:
Der Grund hierfür ist leider kein „ewiges Studentendasein“, was dieser finanziellen Unterstützung immerhin noch den Charme einer möglicherweise sinnvollen Investition in meine Zukunft verleihen würde.
Stattdessen verhält es sich so, dass ich seit jeher mit einer gewissen Anpassungsproblematik behaftet bin. Diese zieht sich, seit ich denken kann, durch jeden meiner Lebensschritte wie ein warmgewordenes Kaugummi an der Schuhsohle.
Therapien und Klinikaufenthalte brachten mich in den letzten Jahren zwar zu einer beachtlichen Diagnosensammlung, jedoch noch nicht zur wirklichen Erleuchtung darüber, was genau ich denn jetzt mit mir und meinem Leben anfange, wenn ich schon am System, in dem wir leben, scheitere.
Dank der ADHS-Medikamente schaffe ich es mittlerweile immerhin, meine ellenlangen Prokrastinationstexte – wie diesen hier – zum Abschluss zu bringen. Aber solche Angelegenheiten wie die konkrete Zukunftsplanung oder auch nur die im ersten Teil erwähnte Steuererklärung fallen mir nach wie vor schwer bis unmöglich.
Brotlose Kunst und unermessliche Reichtümer
Das macht sich natürlich auch im Berufsleben bemerkbar:
Probleme mit Autoritäten, Probleme mit sinnbefreiten Aufgaben, bei denen es nur darum geht, die im Arbeitsvertrag vereinbarte Stundenzahl vollzukriegen, um anschließend mit einem Gehalt nach Hause zu gehen, von dem nicht mal wirklich was für die Freizeitgestaltung übrig bleibt.
Irgendwann redet mein Kopf mir jeden Job schlecht, egal wie sehr ich dagegen ankämpfe. Und je verbissener ich versuche, trotzdem weiterzumachen, desto mehr schade ich mir dabei auf die eine oder andere Weise selbst.
Wenn es sich nicht um meine eigene brotlose Kunst oder die ehrenamtliche Arbeit mit Tieren handelt (von der ich leider auch nicht leben kann), knallt mir bei jeder bisherigen Tätigkeit irgendwann eine Sicherung durch. Oder ich rocke mich derart runter, dass ich körperlich am Ende bin. So oder so melde ich mich irgendwann wieder krank und werde im Endeffekt arbeitslos.
Da mir das Amt allerdings bisher weder bei der beruflichen Neuorientierung noch bei der Deckung meiner laufenden Kosten eine sonderliche Hilfe ist, neigten sich meine unermesslichen Reichtümer, die ich mir in den letzten Jahren hinter Fritteusen und Zapfhähnen erarbeitet habe, recht schnell dem Ende zu.
Somit ist das Rätsel um die Eingangsfrage endlich gelüftet.
Und täglich grüßt die Tagesklinik
Neben den Gründen für die elterliche Mitfinanzierung meiner Person enthüllt der vorangegangene Abschnitt ebenfalls meine doch recht bescheidenen Aussichten.
Entweder schaffe ich es irgendwie, einen Ausweg zu finden und mit meinem Kram hier genug zu verdienen, um davon leben zu können, oder in einem halben Jahr steht die Tagesklinik an, wo ich dann wieder Memory spielend und Bilder malend die Zeit absitze, bis irgendwelche vorgegebenen Zeitfristen besagen, dass ich jetzt wieder arbeitsfähig zu sein habe.
Und dann geht der ganze Kreislauf wohl von vorne los.
Ich kann noch eine Klinik besuchen, noch ein paar Fragebögen zu meiner Biografie und belastenden Lebensereignissen ausfüllen, noch mehr Menschen von meinen Symptomen erzählen und vielleicht kommen noch ein paar Diagnosen dazu, wer weiß.
Doch wo soll das Ganze hinführen, außer in einen ewigen Kreislauf, der schließlich mit meiner Pfandsammler-Rente oder meinem stressbedingt verfrühten Ableben endet?
Das ist ja auch nicht gerade die Erfüllung.
Es ist traurig, weil ich tief in mir weiß, dass ich ein bisschen mehr auf dem Kasten habe als das. Und auch wenn man sich nicht mit anderen vergleichen soll, wäre ich manchmal lieber auch so ein Mathe-Crack geworden wie mein Cousin.
Rentner kommen zu mir, um mir ihr Pfand zu schenken
Meine Großeltern können immerhin noch von Glück reden, dass sie neben mir weitere Enkel haben, auf die sie mit Stolz blicken können. Meine Eltern hingegen haben das Pech, dass ich Einzelkind bin. Das lässt ihnen recht wenig Ausweichmöglichkeiten, wenn irgendwo die Nachkommen zur Sprache kommen.
Kennt ihr die Stromberg-Szene, in der er ruft:
„Behinderte Delfine kommen zu mir, um mit mir zu schwimmen!“?
Ich habe meine eigene Version davon:
Rentner kommen zu mir, um mir ihr Pfand zu schenken.
Meine finanzielle Lage hat meine Großeltern neulich dazu bewegt, mir ihre Pfandflaschen zu überlassen.
Nicht falsch verstehen – ich bin darüber sehr dankbar. Mich erinnert lediglich die groteske Situationsumkehr an diese Szene.
Jedenfalls, wie ich da so auf dem Hof stehe und Omis Pfand ins Auto lade, frage ich mich, wie es sich wohl abspielen mag, wenn die beiden mal auf einem Kaffeekränzchen nach uns Enkeln gefragt werden.
„Der Mittlere hat gerade seine Masterstelle an der Uni angefangen, der Jüngste ist Beamter und wurde vor Kurzem befördert.
Ja … und Denise bringt neuerdings unser Pfand weg.
Manchmal pöbelt sie dabei auch Leute an.
Dann faselt sie irgendwas vom Schreiben, Zeichnen, Videos und Podcasts, aber so richtig passieren tut da nichts … Immerhin nimmt sie keine Drogen.“
Richtig, denn ich hab im Wald keine gefunden, Oma.
Gut, um realistisch zu bleiben: So redet in meiner Familie außer mir selbst wohl niemand über mich. Glaube ich zumindest …
Doch was sollen sie sonst antworten?
Meine Mutter hat mir die Antwort darauf neulich geliefert:
„Ich hab einfach gesagt, du bist Krankenschwester. Ist ja egal.“
Ja, ist mir in dem Fall schon egal, da es zu mir völlig unbekannten Leuten gesagt wurde. Trotzdem hätte ich es für sie schöner gefunden, wenn sie einfach eine akzeptable Wahrheit hätte erzählen können.
Zum Kaffee statt eines Kuchens
Ich kann mittlerweile nicht mal mehr eine Konversation führen, die über „Schönes Wetter heute“ hinausgeht. Jedenfalls nicht, ohne mich automatisch und ungewollt in ein Häufchen Elend zu verwandeln.
Aber wer jahrelang in einem Sud aus beruflicher, finanzieller und existenzieller Unsicherheit herumschwimmt, garniert mit gescheiterten Beziehungen, hat schlechte Voraussetzungen, glaubhaft unbeschwerten Smalltalk zu halten.
Jeder noch so krampfhafte Versuch, das Chaos in mir und um mich herum zu maskieren, scheitert spätestens beim zweiten Nachhaken. Und dann bekommt man ungefiltert die volle Breitseite meiner Probleme vor den Latz geballert. Dabei wollte ich doch einfach mal eben auf einen Plausch vorbeikommen, ohne direkt wieder das Problemkind zu sein.
Die Folge: Ich isoliere mich.
Leider genau von den Menschen, die mir eigentlich helfen wollen. Weil ich es leid bin, ihnen zum Kaffee statt eines Kuchens doch nur einen weiteren Grund zur Sorge um mich mitzubringen.
Die Betrachterrolle
Vielleicht versteht man mit diesen Hintergründen, warum ich mich so differenziert mit Lappalien wie Pilzen beschäftige, statt weiter auf Themen einzugehen, die ohnehin meinen Alltag stets begleiten, ob ich will oder nicht.
Es ist der Versuch, eine gewisse Distanz zu den Dingen herzustellen, bei denen ich feststecke. Und zu denen, die mich hilflos dastehen lassen, wie beispielsweise das Fahrverhalten meiner Großeltern.
Ich begebe mich in die Betrachterrolle. In der Hoffnung, von außen einen Weg zu erkennen, den ich von innen nicht sehen kann.
Doch statt einer Lösung liegt da – auch aus der Ferne betrachtet – halt nur ein Pilz.
