Hätte ich drei Wünsche frei, würde ich mir nur eine Sache dreimal wünschen (nein, nicht drei Bier).

Einmal dürft ihr raten, welche das wohl ist. Dreimal wäre definitiv zu oft, da schon der Titel subtil auf die Lösung hindeutet. Ich will nicht mehr, aber auch nicht weniger als einfach mal meine scheiß Ruhe. Hier möchte ich das Ganze nun etwas spezifizieren, ansonsten kann ja jeder kommen.

Vorher aber noch ein ganz großes Shoutout an Malandrina. Der Artikel hat mir echt den Ruck gegeben, den ich hierfür gebraucht habe, DANKE! 🙂

Meine letzten Jahre waren – stark verharmlost ausgedrückt – recht turbulent. Geprägt von mehreren Umzügen, Fremdbestimmung, Trennungen, Kliniken, Therapien, Hilfsangeboten und jeder Menge Menschen, die es gut mit mir meinten, mir hilfreiche Ratschläge, Tipps und Denkanstöße geben wollten in einer Zeit, in der es mir alles andere als gut ging.

Immer wieder habe ich in der schlimmsten Akutphase Sätze gehört wie: „Du darfst dich nicht so unter Druck setzen.“ „Du musst dir Zeit geben.“ „Du darfst nicht so streng mit dir sein.“ Oder, oder, oder.

Und als ich das dann versucht habe, in die Tat umzusetzen, als ich mal ein bisschen abgelassen habe von der ewigen Recherche nach Jobs, hieß es: „Du musst einfach mal wieder irgendwas anfangen.“ „Du musst auch langsam wieder arbeiten.“ „Du brauchst eine Struktur.“ „Du brauchst irgendwas, was dir wieder mehr Selbstvertrauen gibt.“

Ich habe Therapeuten besucht, weil andere der Meinung waren, es sei das, was ich bräuchte. Weil das System es in Fällen wie meinem vorgibt. Und weil ich mir selbst auch nicht anders zu helfen wusste.

Die Therapeuten schickten mich in Kliniken, die mich wiederum in weitere Therapien oder zurück ins Arbeitsleben entließen, ohne dass ich je wirklich das Gefühl hatte, es hätte sich was an der Grundproblematik geändert. Ich war bei einer Kinesiologin, die mir Globuli ausgependelt hat. Ich bekam Nachhilfe, weil meine Kinder- und Jugendpsychologin der Ansicht war, ich würde mich selbst verletzen, weil ich so schlecht in Mathe sei. Meine erste Ausbildung endete nach einem halben Jahr mit einem Klinikaufenthalt. Während der zweiten entwickelte ich eine Essstörung. Neben einigen Jahren in Psychotherapie und einer Selbsthilfegruppe ging ich 2024 für sieben Wochen in eine darauf ausgelegte Spezialklinik.

Auf dieses Angebot konnte ich mich gerade noch einlassen, nachdem ich wenige Wochen zuvor für einen Tag Patientin auf einer Borderline- Station gewesen war – mit dem Resultat der Selbstentlassung am gleichen Abend der Ankunft. Die Essstörungsklinik war von Beginn an angenehmer. Der Maßstab lag zwar nicht besonders hoch, aber auch unabhängig davon würde ich diese Einrichtung ganz klar weiterempfehlen.

Mir persönlich brachte das Prinzip von Kliniken nur leider generell immer wesentlich mehr Stress als Nutzen ein. Nicht, weil das Angebot schlecht gewesen wäre, sondern weil es mir extrem viel Kraft abverlangt, permanent unter Leuten zu sein. Trotzdem blieb meinem sozialphobischen ADHS-Arsch erst mal nichts anderes übrig, als dort sieben Wochen mit rund 80 anderen Essgestörten in einem Raum zu sitzen. Dauerthemen waren: Essen (wer hätte es gedacht), Krankheitsfolgen, Kalorien, Gewicht, und irgendwelche persönlichen Probleme. In mancher Hinsicht bin ich seitdem auch eher noch gestörter als davor. Nicht falsch verstehen, ich habe da echt liebe Menschen getroffen und

ins Herz geschlossen. Allen voran meine Zimmernachbarin. Die Therapien und Mitpatient_innen haben mir aus der schlimmsten Phase der Bulimie geholfen, aus der ich so nicht mehr raus gekommen wäre. Dort habe ich nach Jahren mal wieder erlebt, wie es ist, ohne diesen Scheiß zu leben. Und “Leben” konnte ich meinen damaligen Zustand auch wirklich nicht mehr nennen.

Nach der Entlassung besuchte ich neben der Selbsthilfegruppe auch eine Ernährungstherapie. Also: Weitere Ratschläge zur Lebensführung, -planung und zum Umgang mit mir selbst und dem Thema Essen. Ohne undankbar wirken zu wollen — auch das Bisschen meines übriggebliebenen gesunden Menschenverstands hatte mir viele dieser Tipps bereits verraten. Mir ist das Prinzip von Wochenplänen und Einkaufslisten ja nicht gänzlich unbekannt. Leider haperte es damals wie heute an der Umsetzung. Ich führte auch meine zweite Langzeit-Verhaltenstherapie fort, die ich kurz vor dem Klinikaufenthalt bei meinem früheren Therapeuten begonnen hatte. Er hatte mich schon durch die Ausbildung begleitet.

Trotz all dieser Versuche, alles nachhaltig umzusetzen, rutschte ich nach und nach wieder in mein altes Leben zurück. Bloß mit neuen Tapeten. Ich zog wieder in meinen Heimatort und lernte neue Leute kennen. Statt erstmal in der Wohnung (und überhaupt bei mir) anzukommen, war ich viel unterwegs. Versuchte irgendwie, der Gefahr aus dem Weg zu gehen, mit mir alleine zu sein. Denn echtes Vertrauen in mich selbst in der ganzen Sache hatte mir noch keine Therapie beibringen können. Dazu kam das ständige Gefühl, nun erst recht von allen Seiten

beobachtet zu werden. Von meiner Hausärztin, dem Therapeuten, meiner Familie, Freunden oder den anderen aus der Selbsthilfegruppe. Ich kam mir seit meiner Rückkehr vor, wie auf dem Präsentierteller. Gefühlt wurde jede kleine optische Veränderung kommentiert. „Du siehst besser aus“, oder „Ist gerade wieder schlechter?“. Bei mir kam da aber bloß „Endlich wirst du wieder fett“, oder „Na, wieder am Kotzen?“ an. Etwa dreimal die Woche musste ich erzählen, wie es mir geht, wo es Probleme gibt, was ich jetzt vorhabe.

Ich fing irgendwann an, erneut vor allem zu flüchten. In einen Mix aus Substanzen, alten Beziehungsmustern, der Kompensation meiner Probleme übers Essen oder Nichtessen. Gleichzeitig wollte ich so sehr, dass es besser wird. Dass ich nicht wieder in dieses Loch falle, aus dem ich mich gerade erst befreit hatte. Also war ich auch in meiner Therapie weiterhin ehrlich. Ich gab das meiste direkt zu, war aber nicht in der Lage, was daran zu ändern, weil mir alles nur noch um die Ohren flog. Therapie, Gruppe, Arzttermine, Zukunftsplanung, Sozialkontakte, Wohnungseinrichtung, Tagesplanung, Essensplanung, Bewegung,… Ich war mein eigenes Tamagotchi. Meine Existenz eine einzige Pflicht. Und das ganz ohne Arbeit.

Als ich irgendwann schlicht genug davon hatte, gefühlt eher zur Beichte zu fahren, statt zu einem Hilfsangebot oder einer Therapie, brach ich alles ab. Es reichte mir, dass jeder sich eine Meinung darüber anmaßte, was denn nun das Richtige für mich sei. Dass jede zweite Person, mit der ich zu tun hatte, einen Lebensentwurf für mich zu haben schien und sich auch nicht scheute, mir diesen fast schon aufzudrängen. Wie eingangs erwähnt wandelten sich die Ratschläge mit der Zeit. Aussagen, ich solle mich nicht so stressen wurden abgelöst von Aussagen ich müsse doch jetzt auch mal langsam irgendwie weitermachen. Plötzlich hieß es, dass ich zu viel nachdenke und dass ich doch einfach mal wieder irgendwas ausprobieren müsse. Es ist aber nicht gerade leicht, unbefangen einen Schritt zu machen, wenn man jede seiner Entscheidungen direkt vor mindestens sieben Leuten rechtfertigen und am besten mit einem ausgefeilten Plan für die kommenden Jahre untermauern muss. Und ab Februar 2025 kam dann die Schose mit der Agentur für Arbeit dazu.

Rückblickend kann ich mir schon einen Reim darauf machen, warum ich so schnell wieder in meine alten Muster zurückgekehrt bin. Weil alles um mich herum mich in die Enge zu treiben schien, nach Ablauf der gesellschaftlich akzeptierten Zeitspanne, die man wohl für einen neuen Lebensentwurf brauchen darf. Nachdem man sich gerade aus einer langjährigen und extremen Bulimie geschält hat. Und wohin geht man wohl, wenn es schnell weitergehen muss? Auf unbekanntes Terrain, wo man bereits bei den ersten Gehversuchen auf die Fresse gefallen ist? Oder doch lieber dahin, wo man die Schritte mittlerweile zu setzen weiß? Nicht, dass ich damit sagen will, dass es richtig war. Ich habe mittlerweile bloß mehr Verständnis dafür, warum es so kam. Ein Punkt, der mir lange Zeit überhaupt nicht klar werden wollte.

Mein Grundproblem war schließlich nie gelöst worden. In keiner der Kliniken oder bisherigen Therapien. Ich war nach wie vor planlos und ratlos, wie ich weitermachen sollte. Trotz permanentem Umgang mit dem Sozialdienst, Bewerbungen, Berufswahltests und und und. Dazu kam meine Angst vor einer weiteren “falschen” Entscheidung. Also ging der nähste Schritt in eine Richtung, die ich kannte: Zurück. Das bedeutete: Fokus aufs Essen und Gewicht, auf Kontakte, die mir keinen Halt geben, Substanzen, die meine Symptomatik verschlimmern, Verhaltensweisen die all meine Fortschritte vor mir selbst zunichtemachten. Kurz gesagt: Schlechtes Gewissen, Heimlichtuerei, Selbstmanipulation. Mit dem Resultat des Stillstands, der sich wie Bewegung anfühlt. Der wahrscheinlich um ein Vielfaches anstrengender durchzuhalten ist, als es eine echte Vorwärtsbewegung ohne irgendwelche Ämter gewesen wäre. Und all das trotz ursprünglich mal echt guter Vorsätze.

Ein taktisches Zwischenbild für die Aufmerksamkeisspanne:

Handgezeichnete Logo-Bedürfnispyramide mit Scratchy und dem Bedürfnis nach meiner scheiß Ruhe
Abb. 1: „Die Logo-Bedürfnispyramide“ – Quelle: Mein Skizzenbuch

Abb. 1: “Die Logo-Bedürfnispyramide” Quelle: Mein Skizzenbuch

Die fundamentale Stellung meines Ruhebedürfnisses wird in dieser Abbildung verdeutlicht. (Nicht durch die Beschriftung innerhalb der Pyramide beirren lassen, ich beziehe mich auf die Beschreibungen neben der Zeichnung). ”Meine scheiß Ruhe” nimmt — auf die Maslowsche Bedürfnispyramide übertragen — den Stellenwert eines menschlichen Grundbedürfnisses ein. Das regt doch durchaus zum Nachdenken an…

Was ich damals gebraucht hätte, ist das, was ich auch heute noch brauche: Ruhe und Zeit. Ohne die Verpflichtung, ständig irgendwem beweisen zu müssen, dass ich mein Leben wirklich zum Besseren wenden will. Würde ich das nicht wollen, warum sollte ich mir den ganzen Krampf hier denn überhaupt so lange antun?

Ich brauche einfach mal eben Zeit, um zu verarbeiten, was die letzten Jahre passiert ist. Was zwischen Umzügen und Klinikaufenthalten im Stress untergegangen ist. Zeit, das alles erstmal in mir unterzubringen, bevor ich das alles direkt jemand anderem verständlich erklären soll.

Einen Augenblick zum Durchatmen, ohne direkt schon wieder mit der nächsten existenziellen Lebensentscheidung, Geldfrage, Therapieaussicht oder Antragstellung bombardiert zu werden. Ich brauche Zeit für Prozesse, die halt Zeit brauchen. Vor allem für die Gestaltung meiner Zukunft.

Und ganz ehrlich: Wenn ich mir eine Sache zu Weihnachten wünschen könnte, dann wäre das ein fetter “AUSTHERAPIERT”-Stempel auf meiner Krankenakte. Meine jetzige Therapie würde ich fortführen, einfach um alles mal aufzuarbeiten und weil ich den Eindruck habe, da wirklich mal tiefer als nur unter die Oberfläche zu blicken. Aber das wäre in meinem Interesse, nicht weil es irgendwer vorschreibt. Der Wunsch bezieht sich eher darauf, mich nicht mehr ständig vor irgendwelchen Institutionen, Ärzten, Gutachtern oder sonst wem mental entblößen zu müssen und meine komplette Lebensgeschichte noch einem wildfremden Menschen darzubieten, nur damit mir teilweise noch immer nicht geglaubt wird, dass ich die ganze Scheiße tatsächlich nicht bloß aus Spaß an der Freude mitgemacht habe. Ich komme halt nicht mal eben so zurecht, wie andere es tun und das ist ätzend genug. Umso frustrierender und ermüdender ist es, auch nach Jahren noch ständig beweisen zu müssen, dass das kein Simulieren und auch keine bloße Disziplinfrage ist.

Wenn du Bluthochdruck hast, komme ich doch auch nicht alle zwei

Wochen angeschissen und will da eine umfassende Entstehungsgeschichte von Dir zu haben, nur um dann ablehnend zu sagen: “Nee, also mein Nachbar ist auch in Deinem Alter, der hat keinen Bluthochdruck. Da muss man sich halt einfach mal ein bisschen zusammenreißen und sich besser organisieren, dann hat man direkt weniger Stress!”

Ich würde mir einfach nur ein Dokument wünschen, das mir offiziell bescheinigt: „Ey, die hat in den letzten Jahren echt alles versucht, um irgendwie wieder klarzukommen. Scheint nicht zu helfen, sie ständig ins nächste System zu verfrachten. Lass die mal eben ein- zwei Jahre ihr Ding machen, vielleicht wird das ja was.”

Aber wo kämen wir denn da hin? Da kann ja jeder kommen.

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