Mein Pfandbestand hat in letzter Zeit beachtliche Ausmaße angenommen. Ich spare mir Aufgaben dieser Art gerne auf. Nicht etwa, weil sie mir Freude bereiten, sondern damit sich der Aufwand wenigstens lohnt, wenn ich schon meine Wohnung verlassen muss. Von Altglas will ich hier gar nicht erst anfangen. Für Pfand gibt’s ja wenigstens noch Kohle zurück.

Spätestens, wenn man durch Flaschen und Gläser waten muss, um sich ein Leitungswasser zu holen, weil kein Platz für weitere Flaschen ist, sollte man handeln und die hart erarbeitete Sammlung auflösen.
Wobei dieses Szenario bisher zum Glück noch ausgeblieben ist.

An Pfand mangelt es mir also nicht. Dafür an unauffälligem Stauraum – und momentan auch an finanziellen Mitteln. Genug Motivation, den Plastikberg ins Auto zu laden und den Discounter meines Vertrauens aufzusuchen.

Es ist die erste Chance, die ich diesem dabei gebe, denn wegen Umbauarbeiten ist der hiesige Supermarkt, mein „Stammlokal“ für diese Angelegenheit, vorübergehend geschlossen.

Im randvollen Renault Clio erreiche ich den Parkplatz. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Anflug von Platzangst richtig ernst zu nehmen ist. Auf der Fahrt konnte ich nicht anders, als mehrmals „Klaus Klaus Klaaauus!“ vor mich hin zu murmeln. Die Spongebob-Klaustrophobie-Folge wollte einfach nicht aus meinem Kopf.

Raus aus der Kiste, dafür die Kisten rein in den Einkaufswagen. Die viel zu vollen Tüten mit Flaschen und Dosen türme ich obendrauf. Fehlen nur noch Fahrradklingel und ’ne alte Wolldecke, und das Bild der Obdachlosen wäre komplett.

Ich betrete das Separee der Pfandrückgabe und werde freundlich von einem Herrn begrüßt, der meint, ich hätte mir ja ganz schön was vorgenommen. Ich stimme lachend zu, recht hat er ja.

Mit leuchtenden Augen, im Kopf schon die Auszahlung, nehme ich die erste Kiste in die Hand und lege sie postwendend wieder ab.
Keine Kistenöffnung; der Automat nimmt nur Flaschen.
Wunderbar.

Na ja, dann erst mal nur die Flaschen. Doch der Automat möchte mir, so scheint es, den letzten Nerv rauben.
Mitten im Vorgang, bei dem jedes zweite Gebinde abgelehnt wird und daraufhin zurück in meine Tüte wandert, tritt eine Störung auf. Das Gerät quittiert seinen Dienst.
Ohne mir meinen Bon auszudrucken.

Und inzwischen ist trotz aller Widrigkeiten immerhin eine Summe von 7,50 € zustande gekommen. Für einen arbeitslosen Assi wie mich eine nicht zu verachtende Summe.

Ich lasse meinen – nach wie vor überfüllten – Einkaufswagen stehen, um die Störung einem Mitarbeiter zu melden. Den Gedanken, jemand könnte den Wagen in der Zeit klauen, beruhige ich damit, dass es der Person dann auch einfach gegönnt sei. Die hätte es garantiert nötig. Wer rennt schon freiwillig mit einem Einkaufswagen voller Pfand durch den Ort?
Und vor allem: Wo will sie ihn loswerden?

Nach meiner erfolglosen Suche nach einem Mitarbeiter stelle ich mich in die Kassenschlange.

Doch meine bisher erstaunlich gut erhaltene innere Ruhe sollte nun doch ihr Ende finden. Jemand stellt sich hinter mir an. Und bringt eine gewisse Aura mit. Irgendwas an der Präsenz stresst mich, auch wenn ich es noch nicht einordnen kann. Und ohne überheblich klingen zu wollen: Mein Gefühl trügt mich selten.

Während ich versuche, den neu aufkommenden Stress durch Konzentration auf meine Atmung zu regulieren, schiebt sich etwas zwischen mich und das Kassenband. Verdutzt schaue ich neben mich.
Ein Einkaufswagen.

Von alleine fährt der sich ja meistens nicht. Vielleicht hat der Fahrer mich übersehen?
In der Hoffnung, meine Bewegung würde auf meine Existenz aufmerksam machen, drehe ich mich um. Auch, um gleichzeitig mal zu schauen, ob die Person vielleicht blind ist, bevor ich weitere Maßnahmen zu treffen erwäge.

Hinter mir steht jedoch kein Blinder, sondern ein älterer Herr, der konsequent an mir vorbeistarrt. Bemerkt haben sollte er mich nun trotzdem. Ich wende mich also wieder der Kasse zu.

Jedoch scheint es ihm einfach nicht zu passen, dass ich da einfach so ohne Einkauf anstehe und seinen Weg blockiere. Darauf lässt zumindest sein Verhalten schließen. Er versucht weiterhin, mich energisch von meinem Platz zu drängen. Ich bleibe standhaft, trotz des Metalls an meinem Hüftknochen.
Will der mich verarschen?

Erneut drehe ich mich zu ihm.
Seine Reaktion bleibt gleich: aus.

Mit einem möglicherweise leicht schnippischen „Ich steh’ hier nur so zum Spaß“ versuche ich, mich mitzuteilen. Ein Räuspern oder ein „Entschuldigen Sie, aber könnten Sie mir wohl ein wenig Platz lassen?“ wäre vielleicht unmissverständlicher gewesen.
Denn auch wenn er sich jetzt wenigstens mal dazu herablässt, mich anzusehen, bleibt er ansonsten unbeirrt.
Keine Antwort. Keine Verhaltensänderung.


Sowie ich mich wieder in Richtung Kasse drehe, habe ich erneut seinen Wagen am Arsch – Verzeihung – an der Hüfte.
Jetzt bin ich wirklich angepisst.

Ich drehe mich zum dritten Mal um, schaue den Mann an und verliere FAST meine Contenance. Die Versuchung, ihn einfach anzupöbeln, ist groß, meine Grundstimmung ohnehin schon angeschlagen. Doch abgesehen von meiner erhobenen Stimme kann ich mich noch zur Fassung zwingen.
Statt ihn – wie alles in mir verlangt – anzuranzen, setze ich ein sichtbar falsch-freundliches Lächeln auf.

„Ich mache gerne Platz für Ihren Wagen, ist gar kein Problem“, konfrontiere ich ihn.
Seine ersten (und einzigen) Worte an mich:
„Ist gut, Mädel.“

Mädel?
Da reißt mir dann doch die Geduld.

Das kann ich ja ab. Von alten Männern als „Mädel“ bezeichnet zu werden.
Was soll man darauf bitte antworten? „Nee, eben nicht, du alter Sack“?
Würde mich interessieren, ob man dazu was im Knigge findet.

Ich muss mir eingestehen: Zwischenmenschliche Interaktionen dieser Art übersteigen meine diplomatischen und sozialen Kompetenzen bei Weitem. Der Pfandautomat bildet bisher zudem nur die Sahnehaube für einen Haufen nerviger Ereignisse heute. Doch dieser Mensch hat es tatsächlich geschafft, dem morbiden Konstrukt meiner mühsam aufrechterhaltenen Ausgeglichenheit DIE Kirsche aufzusetzen, die alles nun zum Einsturz bringt.

Normalerweise hätte ich nachsichtiger reagiert. Der Kollege scheint ganz offenbar ein tiefergehendes Problem mit sich, anderen oder dem Leben per se zu haben. Doch auch für mich ist heute ein Scheißtag.
Und auch ganz abgesehen davon: Was ist los mit ihm?

Meine Laune steht mir ins Gesicht geschrieben.
„Mädel?“, platzt es fassungslos aus mir heraus. Die Stimmlage geht über „erhoben“ hinaus.
Er bleibt stur, schaut mich weiter wortlos an.

Ich befreie mich aus dem dreieckigen Raum, den er mir zwischen Kasse und seinem Einkaufswagen derweil zugeteilt zu haben scheint.
Nun vor dem Wagen stehend, schaue ich ihm in die Augen. Doch auch wenn diese Zeile den Anschein erweckt: romantischer wird es nicht.

Beide Hände an den Wagen legend, stoße ich diesen mit einem kleinen Ruck zurück in seine Richtung. „Penner!“, zische ich ihn dabei an. Wenn Blicke töten könnten, hätte meiner seine komplette Familie umgebracht.
Keine Reaktion. Er schaut mich einfach an.

Schlagartig entsteht in mir der Impuls, seinen Einkauf zu demolieren.
Die Wassermelone auf die Erdbeeren zu schmeißen. Ist sicherlich ein Statement.
Doch die pure Selbstbeherrschung, die mich eben noch verlassen hatte, kehrt zurück. Gerade rechtzeitig, um das Massaker abzuwenden.
Ist vielleicht besser so, denn sonst wäre ich wahrscheinlich noch mit Minus aus der Pfandaktion hier rausgegangen.

Schon mal vom Begriff „Clickbait“ gehört? Das trifft hier zu.
Wer sich jetzt (wie ich selbst gerade beim Schreiben) eine Eskalation erhofft, den muss ich enttäuschen. Keine Schlägerei. Auch keine zermatschten Erdbeeren als Wiedergutmachung für fehlende Blutspritzer.
Seinerseits folgt … nichts.

All die Aufregung läuft ins Leere. Ebenso meine Frage, was die Aktion bezwecken sollte. Irgendwie unbefriedigend.

Immerhin habe ich jetzt was zum Nachdenken, während ich in den letzten Zügen der Schlange stehe, um mein Anliegen vorzutragen.
Denn diese letzte Minute bleibt, anders als mein 180er Puls, ruhig.
So unangenehm ruhig, dass ich ernsthaft überlege, ob nicht das Einkaufswagen-Kassen-Gefängnis weniger erdrückend gewesen wäre als diese Stille.

Tortur geschafft, Problem behoben.
Um 7,50 € reicher, dafür stressbedingt 7,5 Lebensjahre ärmer, trete ich den Walk of Shame mit meinem Hab und Gut vom Separee zum Parkplatz an.
Ich lade den restlichen Kubikmeter Pfand ins Auto, das ich zuvor natürlich so geparkt habe, dass mein neuer Freund mir vom Ausgang aus noch einen abschätzigen Blick zuwerfen kann.

Ich steige ins Auto und verlasse das Dorf.
Jedoch nicht – wie man jetzt annehmen kann – um irgendwo neu anzufangen.
Sondern in den nächstgelegenen Supermarkt.
Pfandkisten abgeben.

Denn ich war jung und brauchte das Geld.


Diesen Text gibt es auch auf meinem Substack: Beinahe-Schlägerei beim Pfandwegbringen


3 Antworten zu „Beinahe-Schlägerei beim Pfandwegbringen“

  1. Avatar von Dominik Holzer
    Dominik Holzer

    Die Welt ist ein seltsamer Ort. 🥲
    Schön geschrieben! Hab deinen Feed mal abonniert und freue mich auf mehr. 👋

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    1. Avatar von Denise

      Oh ja, da sagst du was … 😅
      Danke für das liebe Feedback — und für die Motivation, hier auch mal ein bisschen weiterzumachen.😂

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      1. Avatar von Dominik Holzer

        Für mehr Feedback für Leute, die sich Mühe für irgendwas geben! ✊

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