Es ist drei Tage her. Ich wollte eine Collage entwerfen. Die Motivation dazu ist mittlerweile verflogen. Übrig sind einzig die unzähligen Zeitungsschnipsel, die quer über den Boden meines Wohnzimmers verteilt sind.

Und weil mich seitdem meine selbst geschuldete Unordnung nervt, ich aber keine Lust habe, den ganzen Scheiß wieder wegzuräumen, habe ich den Rest meiner Wohnung stattdessen diesem unschönen Bild angepasst. Ich muss ja schließlich eh aufräumen. Und wie an beiden Tagen zuvor habe ich es mir auch für den heutigen Tag vorgenommen.

Davor muss ich aber erstmal auf mein Leben klarkommen. Dafür gehe ich in mein Büro. Vorteilhaft daran ist: Ich kann direkt oben bleiben und muss mir das Trauerspiel unten noch nicht ansehen.

Der eigentliche Grund dafür ist jedoch, dass mein „Büro“ mangels Motivation, mich um bürokratische Angelegenheiten zu kümmern, gleich mit zum Raucherraum geworden ist. Man muss seinen Frust ja irgendwie runterregulieren. Auch so eine Sache, die ich eigentlich echt ekelhaft finde. Aber morgens völlig verschlafen den Hausflur zu passieren und dabei potenziell schon Leuten zu begegnen, ist für mich deutlich unattraktiver. Und so habe ich mich vorerst damit abgefunden, ein weiteres Arbeitslosen-Klischee zu erfüllen.

Der Nachteil dieser Lösung (abgesehen vom Geruch): Die Wände bestehen scheinbar lediglich aus meiner Tapete und der in der Nachbarwohnung. Entsprechend viel muss ich rauchen, um dem Stress durch Reizüberflutung mangels vernünftiger Schalldämpfung entgegenzuwirken. Ein Teufelskreis, der nur durch das Verlassen meiner Wohnung zu unterbrechen ist. Denn abgesehen von meinem Schlafzimmer grenzt jeder Raum meiner Wohnung an die meiner Nachbarn.

Und bis ich DAFÜR bereit bin, muss ich erstmal eine rauchen.

Plötzlich wird meine Morgenroutine durch ein Klingeln unterbrochen. Ich zucke zusammen, weil es der Lautstärke nach aus meiner Wohnung hätte kommen können. Doch der Ton ist anders. Ich atme auf, erleichtert, dass es nicht meine Klingel war. Nebenan bleibt es still. Folglich scheint niemand da zu sein. Aus dem Kopfkino darüber, wie unangenehm es wäre, wenn ich jetzt unangekündigten Besuch bekäme, werde ich direkt herausgerissen.

Dieses Mal ist es wirklich meine eigene Klingel.

Scheiße.

„Boah, man!“, rufe ich. Etwas zu laut, als dass man es nicht auf dem Hof unten gehört hätte. Denn während ich meine Zigarette ausdrücke, schlussfolgere ich, dass ich ja zuvor das Fenster geöffnet habe. Damit war auch die Möglichkeit dahin, so zu tun, als sei ich nicht zuhause.

Schön ins eigene Fleisch geschnitten.


Ich öffne die Tür mit dem Summer und komme nicht drum herum, im verhassten Hausflur zu warten, um den Besucher abzufangen. Ein Vodafone-Mitarbeiter steht vor mir und fragt, ob ich meine Nachbarin sei. Ich verneine und sage ihm meinen Namen. Er schaut kurz auf sein iPad und eröffnet mir, ich stehe auch auf seiner Liste.

Wunderbar.

Es gäbe zurzeit gehäuft Beschwerden über die Internetleistung, fährt er fort. Deshalb würde er sich gerne meinen Router ansehen. Ich werfe einen panischen Blick Richtung Wohnungstür und erwidere: „Meine Bude sieht gerade aus wie Scheiße.“

„Das macht nichts“, sagt er. „Ich hab schon alles gesehen.“

Gut, wenn er meint. Ich bezweifle jedoch stark, dass er damit gerechnet hat, auf einem optischen Kindergeburtstag zu landen.

Auf die Frage hin, ob er die Schuhe ausziehen soll, kann ich ein lautes Auflachen nicht unterdrücken.

„Nä!“, platzt es aus mir heraus.

In der Wohnung angekommen fragt er wider aller Erwartungen, ob er sich auf das Sofa setzen dürfe. Ich schaue kurz hin. Zwischen Zetteln, Stiften und Notizbüchern sehe ich nichts, was irgendwie nach einer einladenden Sitzmöglichkeit aussieht. Trotzdem stimme ich zu. Muss er ja wissen. Er findet tatsächlich noch einen freien Platz.

Meine Katze Scratchy war vermutlich sein einziger Lichtblick in diesem Moment. Er fragt sofort, ob sie menschenfreundlich sei, und kurz darauf gesellt sie sich auch schon laut schnurrend zu ihm.

Er bietet mir diverse Vertragsänderungen an. Da ich seit Längerem einfach drauf scheiße, mich um meine Konditionen zu kümmern, gehe ich mit einem Gewinn von 70 Euro im Monat aus der Sache raus. Das freut mich natürlich.

Er möchte mir die zusammengefassten Änderungen per Mail zusenden. Das erweist sich als schwierig, denn sein Netz streikt. Wie er hinzufügt, war das auch gestern schon der Fall.

Das finde ich maximal lustig – in Anbetracht der Eigenwerbung, die Vodafone damit indirekt und höchstwahrscheinlich ungewollt direkt zum Kunden nach Hause bringt.

Mehrere Versuche scheitern. Dann fragt er, ob er sich mit meinem WLAN verbinden kann.

Das Karma für meinen kurzen Moment der Belustigung ereilt mich direkt. Ich werde rot. Alles, nur das nicht. Ich stimme trotz aller inneren Ablehnung zu.

Er sieht den Passwortzettel unter dem Router und kombiniert, dass das wahrscheinlich das Passwort sei. Ich bejahe. Er schaut ins Auswahlmenü der verfügbaren Netzwerke und fragt mich, ob „Vodafone 660“ richtig sei.

Ich werde noch roter, fange an zu grinsen und bringe außer einem „Nein“ nichts mehr raus. Wahrscheinlich war es danach für ihn offensichtlich.

Er fragt, ob „FICKBox“ richtig sei.

Ich muss laut lachen, bestätige und füge ein „Unangenehm“ hinzu.

Er schmunzelt.

Alles Weitere funktioniert dann ohne besondere Vorkommnisse. Und auch wenn ich im Nachhinein lieber draußen geraucht und so getan hätte, als wäre ich nicht zuhause, bin ich froh, diese Tortur – sogar mit einer ganz guten Ersparnis – hinter mir zu haben.

Trotz der Tatsache, dass mein Stresskontingent für heute damit bereits aufgebraucht ist.

Und dabei ist es noch nicht mal halb drei.


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